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20 Jahre Mauerfall - Schicksale, die nicht vergessen werden sollten - 6. Auszug

1947

Am 17. Januar fand in Burg die nächste CDU–Kreiskonferenz mit 24 Ortsverbänden (Biederitz, Gräben, Wollin, Reesdorf, Bücknitz, Görzke, Rottstock, Trypphena, Ladeburg, Kleinlübars, Loburg, Lostau, Theeßen, Möser, Möckern, Niegripp, Körbelitz, Hohenziatz, Ziesar, Pretzien, Gommern, Menz, Schartau, Burg) und 50 Delegierten statt. Der CDU–Kreisverband hatte nun bereits 1.162 Mitglieder.

Nach dem Wahlerfolg der CDU im Landkreis Jerichow I als zweitstärkste Partei bedankte sich Dr. Adolf Negatsch bei den „alten, treuen Kampfgefährten“ und formulierte den Anspruch als zweitstärkste Partei „auf völlige Gleichberechtigung gegenüber allen Parteien“.
Weiterhin betonte er, dass es eine großartige Leistung sei, dass Menschen beider Konfessionen zueinander gefunden haben und dass die Jugend einbezogen werden müsse. „Da die Jugend noch nie etwas von der Demokratie gehört hat, ist es die heiligste Aufgabe, sie heranzuziehen und für sie Platz zu machen.“
Siegfried Stöckel sagte: „Wenn wir zusammenhalten und eine Einheit bilden, werden wir auch die heutigen Schwierigkeiten überstehen.“

Neben dem 1. Vorsitzenden Dr. Adolf Negatsch und 2. Vorsitzenden Siegfried Stöckel sollte der 3. Vorsitzende ein Jugendlicher sein. Ernst von Manowski (Biederitz) und Hellmuth Krüger (Theeßen) wurden vorgeschlagen. Durch Handheben wurde Helmut Krüger einstimmig gewählt.
Durch Otto Vollbrecht (Ziesar) wurde der Kreisgeschäftsführer Wolfgang Schulze zum Schriftführer vorgeschlagen. Er nahm die Wahl an. Als Kassierer wurde der Burger Stadtrat Erich Hissen vorgeschlagen, der aber wegen Arbeitsbelastung ablehnte. Ferdinand Neurott aus Biederitz erklärte sich bereit und nahm die Wahl an.

Für Frauenarbeit wurde Frau Neubart aus Ziesar und für Gewerkschaftsarbeit Gerhard Erxleben aus Biederitz vorgeschlagen und auch gewählt. Er war bereits 1931 in der Gewerkschaft. Für Jugendarbeit wurde Herr Falke jr. aus Theeßen einstimmig bestätigt. Zum Propagandaobmann wurde Erich Hissen einstimmig gewählt. Zu Beisitzern wählten die Delegierten Dr. Heinrich Gentsch (Görzke), Elisabeth Gerlach (Gerwisch), Frau Haberland (Lostau) und Fritz Panka (Loburg) einstimmig. Siegfried Stöckel stellte noch den Antrag, einen Referenten für die Vertriebenen zu wählen. Herr Jung aus Burg bekam den Arbeitsauftrag als Referent zu agieren.

Da die Zeit auf der Versammlung schnell verstrich, wurde der Tagesordnungspunkt „Bericht aus der Kommunalpolitik“ von Herrn Fraktionsführer Spangenberg abgesetzt und eine Sitzung der Kreistagsfraktion dazwischen geschoben.
Für den Bezirkstag wurden Anton Goehr und Gisela Lehmann aus Burg sowie Willi Walter aus Gommern und Bauer Wilhelm Münkel aus Kleinlübars gewählt. Zum Landesparteitag wurden die Herren Stöckel, Goehr (wurde später im Protokoll gestrichen), Atenstaedt (Möser) und Gentsch (Görzke) delegiert. Zum Zonenparteitag fuhren die Herren Konkolewski, Stöckel, Negatsch aus Burg und Zöffel aus Ziesar.
Der Kreis Jerichow I sollte nach Auffassung von Kreissekretär Wolfgang Schulze zur besseren Zusammenarbeit der Ortsverbände mit dem Kreisverband in Unterbezirke aufgeteilt werden. Folgende 11 Unterbezirke und Zuständigkeiten wurden beschlossen: Burg/ Kreisgeschäftsführer Wolfgang Schulze, Möser/ Herr Atenstaedt, Biederitz/ Ferdinand Neurott, Gommern/ Willi Walter, Möckern/ Herr Haase, Tryppehna/ Herr Nagelski, Loburg/ Herr Stelter, Theeßen/ Hellmuth Krüger, Görzke/ Dr. Heinrich Gentsch, Ziesar/ Otto Vollbrecht, Gräben/ Dipl. Ing. Walter John.
Siegfried Stöckel dankte am Ende der Tagung allen, dass sie gekommen waren und schloss mit dem Glauben und Gottvertrauen, dass er alle retten sollte aus dieser schweren Zeit.

Die junge Generation aus allen vier Besatzungszonen traf sich in Königstein/ Taunus vom 17. bis 21. Januar zu ihrem 1. Deutschlandtag der JUNGEN UNION. Das Ahlener Programm „Christlicher Sozialismus“ wurde am 3. Februar verkündet.

Erich Hobusch kam 1947 als Junglehrer nach Burg und wurde Mitglied des CDU–Ortsverbandes.
Er wurde am 16. Mai 1927 in Gröbzig (Köthen/Anhalt) geboren. Erich Hobusch absolvierte eine Lehre zum Bankkaufmann. Anschließend kam er zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht. Nachdem er 1946 aus englischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, begann er eine Neulehrerausbildung. In den folgenden Jahren baute er maßgeblich das Heimatmuseum in Burg auf und übernahm am 7. Oktober 1949 dessen Leitung. Ohne ihn und seine Hartnäckigkeit hätte es ein Museum in Burg nach dem Krieg wohl nicht mehr gegeben. So half er auch bei der Ausgestaltung der 1000–Jahr–Feier in Burg und war neben Eberhard Lorenz einer der ersten, die mit Veröffentlichungen zur Burger Geschichte begannen.
Er wohnte 1947 bei der Familie Reents in der Schartauer Straße Nr. 5. Die Familie gehörte der engeren CDU–Gruppe um Dr. Adolf Negatsch an und ging bereits mit vielen CDU–Mitgliedern in den Jahren 1947 bis 1948 nach Berlin, da sie den Umschwung nicht mitmachen wollten. 1949 kam Erich Hobusch in den CDU–Kreisvorstand, war für Kulturfragen zuständig und Mitglied des Kreisvorstandes.
Am Reformationstag, am 31. Oktober 1949, kurz nach der Gründung der DDR, brachte Erich Hobusch die Familie Franke (Mutter und Tochter) nach Helmstedt. Sie gehörten der CDU–Gruppe an und wollten ebenfalls fliehen. Der Russe verfolgte sie an der Grenze bis 800 m in die britische Zone (BRD). Sie hatten viele Unterlagen dabei. Erich Hobusch konnte mit den Russen verhandeln, so dass die Frauen freikamen. Er musste mit zurück und kam drei Tage ins Gefängnis.
Später, in den Folgejahren, soll die Gaststätte „Birkenbusch“, direkt an der A2 in Theeßen ein beliebter inoffizieller Treffpunkt für die CDU–Parteifreunde aus Burg und Berlin gewesen sein.
Im Oktober 1956 ging Erich Hobusch nach Mecklenburg und arbeitete in Waren/Müritz als Museumsdirektor. Ab 1964 lebte Erich Hobusch mit seinen drei Kindern und seiner Frau Elisabeth in Berlin. Dort war er bis 1970 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Rat für Museumswesen der DDR tätig. Anschließend leitete er bis 1980 beim Rat des Stadtbezirkes Berlin–Köpenick das Erholungswesen. Im Oktober 1980 machte er seine Leidenschaft zum Beruf und wurde freischaffender Sachbuchautor. Diese Arbeit führte ihn bis heute immer wieder nach Burg, wo er sich heimatgeschichtlich engagiert.

Mit der Verhaftung des CDU–Landtagsabgeordneten Ewald Ernst am 16. März in Halle auf offener Straße mit vorgehaltener Pistole und ohne Berücksichtigung seiner Immunität begann eine massive Verdrängung aufrechter Demokraten. Ewald Ernst war Jugendreferent des CDU–Landesverbandes und Mitglied im Landes- und Zonenvorstand der JUNGEN UNION. Er wurde als angeblicher Spion zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und kam noch 1947 nach Bautzen.

Kurze Zeit später trat am 24. März der Vorsitzende der CDU–Landtagsfraktion Sachsen–Anhalt zurück. Prof. Dr. Erich Fascher wurde aus dem Amt gedrängt, weil man ihn als angeblichen SS–Förderer denunzierte.
Sein Fraktionskollege Otto Nuschke wollte in dieser Zeit noch Parteifreunde aufbauen, ohne auf Gleichschaltung zu setzen. Er wollte die Situation unter den gegebenen Bedingungen verbessern. Die Angst vor den Sowjets vor dem Hintergrund vieler politischer Schauprozesse mit Todesurteil war aber scheinbar zu groß, um diesen aufrechten Kurs dauerhaft durchzustehen.

Otto Nuschke wurde am 23. Februar 1883 im sächsischen Frohburg geboren. Er war Buchdrucker, Redakteur und im 1. Weltkrieg Gefreiter. 1918 war er Gründungsmitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und in den 20er Jahren zeitweise stellvertretender Reichsvorsitzender der DDP. Er beteiligte sich an der Ausarbeitung der Weimarer Verfassung und wurde 1919 Mitglied der Nationalversammlung. Er war von 1921 bis 1933 Mitglied des Preußischen Landtages und 1924 Mitbegründer des republiktreuen Reichsbanners Schwarz–Rot–Gold. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste er sein Mandat abtreten und hatte Berufsverbot. Von den Attentätern auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 unter Graf von Stauffenberg war er als Leiter des Rundfunks vorgesehen. Nach dem Scheitern des Umsturzversuches musste er bis Kriegsende untertauchen. Nach dem Kriegsende nahm er seine Verlagstätigkeit wieder auf und leitete die Zeitung „Neue Zeit“.

1945 war er Gründungsmitglied der CDU und später Landtagsabgeordneter in Brandenburg und Sachsen–Anhalt. Gleichzeitig war er Gemeindevertreter und Kreistagsmitglied. Gemeinsam mit Dr. Adolf Negatsch saß er 1946 in der 24-köpfigen CDU–Fraktion Sachsen–Anhalts.
Ab März 1948 war er gemeinsam mit Wilhelm Pieck (SED) und Wilhelm Külz (LDPD) Vorsitzender des Deutschen Volkskongresses, der die Verfassung der DDR ausgearbeitet hat. Im September 1948 wurde er auf dem 3. Parteitag der CDU in der SBZ mit 186 von 250 Stimmen zum Vorsitzenden gewählt. Von 1949 bis 1957 war er Mitglied der Volkskammer und stellvertretender Ministerpräsident der DDR. Gleichzeitig war er für die Regierung der DDR Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten.
Während des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 wurde Otto Nuschke von Ost–Berliner Demonstranten nach West–Berlin gebracht und kam nicht ohne Schläge aus der Menge davon. Er und seine zwei Kraftfahrer wurden der Polizei übergeben. Da die aufgebrachte Menschenmenge vor dem Polizeirevier in West–Berlin nicht zur Ruhe kam, fuhr man ihn an einen unbekannten Ort. Nach zwei Tagen wurde er unversehrt nach Ost–Berlin zurück gebracht.
1954 bekam er den Vaterländischen Verdienstorden und 1955 erhielt er von der Karl–Marx–Universität in Leipzig die Ehrendoktorwürde. Er starb am 27. Dezember 1957 in Berlin.

Der 2. Parteitag der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) fand vom 6. bis 8. September in Berlin statt. Jakob Kaiser und Ernst Lemmer kämpften für die Eigenständigkeit der Union, propagierten die Einheit Deutschlands und waren gegen die Anerkennung der Oder–Neiße–Grenze, als endgültige neue Ostgrenze nach dem 2. Weltkrieg. Von der Parteibasis wurden ihren Reden auf dem Parteitag gefeiert. Jakob Kaiser wurde mit 248 von 249 Stimmen wieder zum Vorsitzenden gewählt.

In der Landesvorstandssitzung am 2. Dezember lehnte die CDU die Mitarbeit im Volkskongress ab. Wieder galt der CDU–Landesvorsitzende Dr. Leo Herwegen aus Sachsen–Anhalt zu den ersten Befürwortern des neuen Volkskongresses.
Selbst Otto Nuschke, der aufgrund seiner demokratischen Vergangenheit und seiner Menschlichkeit in der CDU sehr geschätzt war, fiel in seiner ablehnenden Haltung den Sowjets gegenüber nach der Einbestellung zu einem Gespräch mit dem russischen Oberst Sergej Tulpanow um. Er wurde vorsichtiger und ging der Konfrontation zur SED und den russischen Besatzern überwiegend aus dem Weg.

Die JUNGE UNION (JU) sprach am 18. Dezember Jakob Kaiser das volle Vertrauen aus und beschloss, die Arbeit in der SBZ niederzulegen, bis dort wieder demokratische Verhältnisse hergestellt seien. Die JU war mit ihren 42.000 Mitgliedern eine ernst zu nehmende Stütze der CDU.
Wenige Zeit später wurden Jakob Kaiser und Ernst Lemmer am 19. und 20. Dezember 1947 in der SBZ vom CDU–Parteivorsitz von den Sowjets (SMAD) abgesetzt, nachdem sie bei ihrer Verweigerung der Mitarbeit gegenüber dem gleichgeschalteten Volkskongress blieben.

Otto Nuschke erklärte später, dass Jakob Kaiser das volle Vertrauen der Union der Ostzone bis zur Absetzung besaß, aber das Amt eines Zonenvorsitzenden auch das Vertrauen der Besatzungsmacht benötigt. Zum Jahresende wurden in der Ost–CDU 218.189 Mitglieder registriert.
Am 23. Dezember forderte der CDU–Landesverband Sachsen–Anhalt „im Kampf für Deutschland“ einstimmig die Schaffung einer gesamtdeutschen CDU unter Leitung Jakob Kaisers. Anschließend mussten die Vorstandsmitglieder stundenlange Verhöre über sich ergehen lassen. 45.858 Mitglieder zählte der Landesverband Sachsen–Anhalt am Jahresende.

 

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